Vom Gruseln, Motzen, Manieren und Maulkorb

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Wer unseren Storys bei Instagram folgt, dem ist wohl in den letzten Wochen das neonpinke Ding nicht entgangen. Seit einem Monat wohnen wir nun alle unter einem Dach in Gelsenkirchen und ziemlich genauso lange begleitet Hazel nun der Maulkorb beim täglichen Spaziergang.

Wer uns nur auf Facebook folgt oder nur hier die Beiträge liest, wird wahrscheinlich große Augen machen und sich fragen „Wie konnte es nur so weit kommen??“ Der letzte ausführliche Blogpost ist ja schon einige Monate her und so gibt es vielleicht das ein oder andere zu erzählen, um Euch auf den neuesten Stand zu bringen.

Vorwärts und Rückwärts

Ich muss zugeben: In den Wintermonaten habe ich Hundebegegnungen zum Teil gemieden – einfach, weil ich nach einem langen Arbeitstag oft einfach nicht die Nerven hatte, mich mit der Motzerei auseinander zu setzen. Dafür haben wir aber im November ja mit dem Geländelauf begonnen – und trainieren seit dem auch regelmäßig mit 3 anderen Mädels und ihren Hunden. Hier habe ich schnell feststellen können: Im Zug ist Hazel so im Trieb, dass sie fremde Hunde – auch wenn diese unangeleint mitten im Weg stehen – einfach ignoriert. Auch auf Turnieren ist das kein Problem – selbst die 5 km Walk bei den Winterläufen im Dezember, Januar und Februar in einer sehr großen Hundegruppe (angeleint) meisterte sie ganz wunderbar.

Dafür waren die Erfahrungen, die sie beim alltäglichen Spaziergang machte, nicht immer so positiv. Und dabei ist es nicht so, dass wir ständig auf „böse“ Hunde trafen, aber auch die lieben und netten Hunde wollte und will Hazel nicht in ihrer Nähe haben.

Seit vielen Monaten ist es nun schon so, dass ich Hazel – sobald ich einen anderen Hund sichte – anleine. Hazels Leine ist aus Tau, ziemlich dick und orange- durchaus ziemlich sichtbar. Da ich nicht immer gleich auf dem Absatz kehrt machen möchte, gehen wir dann entweder an den Wegesrand und lasse Hazel neben mir sitzen oder liegen – oder aber wir gehen am äußersten rechten Wegesrand weiter, während Hazel ebenfalls rechts bei mir im Fuß läuft.

Im besten Fall erkennt unserer Gegenüber mit Hund „Aha, die Frau hat ihren Hund gerade angeleint (und die anderen zwei Hunde auch), sie geht ganz außen – dann will sie wohl keinen Kontakt zu meinem Hund oder mir“. Ob man dann seinen Hund ruft und anleint oder ihn ruft und neben sich laufen lässt – das ist mir nun wirklich egal. Es wäre jedenfalls wünschenswert, wenn jede Begegnung in etwa so ablaufen könnte.

Manchmal kommt aber eben keine Reaktion von dem entgegenkommenden Zweibeiner, während der Vierbeiner uns aber sehr wohl schon gesehen hat und vielleicht freundlich schwanzwedelnd auf uns 4 Mädels zukommt. Ein freundliches „Könnten Sie bitte ihren Hund anleinen“ sorgt leider auch nur manchmal dafür, dass Frauchen oder Herrchen seinen Vierbeiner zu sich ruft – oder sich zu mindestens bemüht, dass der Hund dem auch nachkommt.

Diskutieren statt Rücksicht nehmen

Oft schon habe ich, aber vor allem Hazel – die ist nämlich dabei die Leidtragende – erlebt, dass Hundebesitzer alle Zeichen und auch meine Bitte ignorieren. Entweder reagieren sie gar nicht und lassen ihren Hund trotzdem zu uns laufen oder aber sie diskutieren.

Ihr Hund sei ja ein Rüde. Oder eine Hündin. Oder schon alt. Oder er tue nichts. Oder er sei noch jung. Oder er interessiere sich eh nicht für andere Hunde. Oder man dürfe hier (im Naturschutzgebiet) seinen Hund ohne Leine laufen lassen. Oder es sei mein Problem, wenn meine Hunde an der Leine sind. Oder Hazel ist schlecht erzogen. Schlecht sozialisiert. Die klären das unter sich.

Da stehen wir dann also da. Manchmal wir vier Mädels, während das eine erst die Nackenhaare aufstellt, die Lefzen hochzieht, knurrt und wenn der andere Hund trotzdem näher kommt, dann kommt noch ein ohrenbetäubendes Motzen dazu. Mein „schlecht sozialisierter“ Wildfang signalisiert mit allen erdenklichen und ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, dass sie keine Nähe möchte. Und der freundliche Hund ignoriert das.

Und was mache ich? Ich fühle mich wütend und oft hilflos – ich möchte Hazel Sicherheit geben, ihr zeigen, dass sie das nicht regeln muss. Ich möchte ihr sagen, dass es okay ist, sich seine Freunde auszusuchen und sie nicht jedem Hallo sagen muss, wenn sie das nicht will.  Ich will ihr sagen, dass der andere Hund doch freundlich ist – dämlich und ignorant ja – aber freundlich und ihr nichts tun wird.

Es ist ein wahnsinniger Balanceakt dafür zu sorgen, dass ein fremder Hund nicht näher kommt, während man selbst drei Hunde an der Leine hat. Dafür zu sorgen, dass der Wildfang nicht nach vorne schießt, weil ihr der Geduldsfaden nach der zweiten, dritten oder vierten blöden Hundebegegnung innerhalb eines Spazierganges einfach reißt.

Hilft es, seinem Gegenüber deutlich und direkt zu sagen: „Bitte sorgen Sie dafür, dass ihr Hund nicht näher kommt, meine beißt!“?

Nein leider auch nicht immer. Richtig sprachlos hat mich eine Frau gemacht, die seelenruhig in einem Schneckentempo auf uns zu kam und ihren Hund bei uns einsammelte, während Hazel total austickte und dann meinte: „Dann wird meiner halt gebissen.  Dann lernt er, dass er nicht einfach zu jeden Hund gehen soll.“

Mal abgesehen davon, wie schrecklich ich das für den anderen Hund finde, wenn sich sein Frauchen so über ihn äußert, so ist es auch absolut nicht Hazels Aufgabe einen anderen Hund zu „erziehen“ (mal abgesehen davon, dass man gar nicht vorher weiß, wie ein Hund so eine Auseinandersetzung überhaupt bewerten würde und daraus dann vielleicht auch Angst oder/und Aggression entwickelt) und schon gar nicht möchte ich, dass Hazel lernt, dass sie mit Beißen ihren Willen – nämlich dass der andere Hund abhaut – bekommt!

Viele Male hatten wir solche Situationen – mehrmals wöchentlich – und irgendwann ging es dann einfach schief. Meine Anspannung stieg, sobald ich das Gefühl hatte, dass sich ein freilaufender Hund für Hazel oder einen der anderen Mädchen interessierte, und der dazugehörige Besitzer nicht oder nicht schnell genug reagierte. Und ich gebe zu, ich habe selbst angefangen zu fluchen und zu motzen, weil so jeder kleine Trainingsfortschritt den wir erzielten – jedes Vorbeilaufen an anderen Hunden ohne Knurren oder sogar ohne aufgestellte Nackenhaare – gleich zunichte gemacht wurde.

Der schwarze Tag

An der einen oder anderen Stelle habe ich schon mal von unserem schwarzen Tag gesprochen. Der ist nun schon einige Zeit her und noch immer beschäftigt er mich sehr. An dem Tag hab ich sehr viel an mir gezweifelt, sehr viel geweint und echt nicht weiter gewusst. Und ich habe lange überlegt, ob ich darüber schreiben soll. Ich schreibe darüber, obwohl es fällt mir sehr schwer fällt. Aber ich hoffe einfach wenigstens ein paar Menschen mehr zum Nachdenken und weniger Abstempeln bewegen zu können.

Hazel war gerade mit ihrer Läufigkeit durch, Emmely und Colani gerade mittendrin. Für alle Mädels ein Durcheinander der Hormone^10 – zumal es ja auch Colanis erste Läufigkeit war. Wir wollten eigentlich nur mal eben im Park eine Pipirunde drehen. Der Park ist nicht sehr groß und von daher konnten wir den anderen Hund schon von weitem sehen. Unangeleint schlenderte er hinter seinem Frauchen her. Sah uns, kam auf uns zu. Ich rief der Frau zu, dass sie doch bitte ihren Hund zurück rufen möge – zugegeben: Vielleicht hat sie mich gar nicht richtig verstanden, denn sie war wirklich einige Meter (etwa 80m) von uns entfernt – im Gegensatz zu ihrem Hund. Und Hazel motze inzwischen ohrenbetäubend, vielleicht hatte sie auch nur deswegen reagiert und ihren Hund gerufen. Damit schien die Sache für sie erledigt zu sein und sie ging weiter ohne sich nochmal zu vergewissern, ob ihr Hund auch wirklich folgte. Währenddessen kam der – das konnten wir inzwischen sehen – unkastrierte Rüde weiter auf uns zu.

Im Prinzip ging es dann ganz schnell. Der Hund war plötzlich da und Hazel schoss trotz Leine vor und schnappte einmal. Schnappte einmal und weil der arme Kerl nur ein kurzes Fell hatte und sie ihn an einer wirklich blöden Stelle am Oberschenkel erwischte, hatte er  eine Wunde, die beim Tierarzt anschließend genäht werden musste.

Danach war für mich der Tag gelaufen. In meinem Kopf waren 1000 Gedanken. Ich war wütend auf den anderen Hund, auf die Frau, die ihren Hund lieber unangeleint lies, weil er an der Leine sonst so zieht, auf mich, auf Hazel. Ich wusste  nicht, ob ich ihr trotzdem weiterhin vertrauen kann und ob ich überhaupt die Richtige für sie bin.

Aber: Ich liebe Hazel. Und jeder, der uns schon mal gesehen hat kann erkennen: Sie liebt mich.

Wir machen Fehler. Sie und ich auch. Wir lernen dazu. Aber wir sind auch nicht alleine an der Situation schuld. Viele Faktoren haben dazu geführt, dass Hazel so geworden ist – und einen gewissen Anteil haben eben die Hundebesitzer, die rücksichtslos und gedankenlos waren und ihre Hunde eben nicht zurück gerufen haben, obwohl ich sie drum bat.

Ohne Gelassenheit kommen wir nicht an Ziel

Seitdem haben wir ein paar Einzelstunden bei einer Hundetrainerin gehabt. Wir üben an Hazels  und meiner Gelassenheit. Nur ist meine Gelassenheit eine wichtige Voraussetzung, damit Hazel gelassener sein kann. Und natürlich treffen wir auch weiterhin auf Hundebesitzer, denen die Gründe, warum Hazel bei Hundebegegnungen an der Leine bleibt, egal sind. Ganz ehrlich, wie sollte ich nach dem schwarzen Tag gelassen reagieren?

Seit unserem Umzug wohnen wir in einer traumhaften Natur. Wirklich wunderschön und viele Möglichkeiten zum Spazieren gehen. Und natürlich finden nicht nur wir das, sondern ganz viele andere Hundebesitzer auch. Um Hundebegegnungen zu meiden, dürften wir nur noch sehr früh oder sehr spät gehen. Will ich aber nicht. Will ich nicht für Hazel, will ich nicht für Emmely, nicht für Colani, nicht für uns. Und meiden bekämpft kein Problem.

Also trägt Hazel nun ein Maulkorb. Eigentlich mal aus einer Kooperation entstanden, mit der Idee, dass wir ihn für Urlaube und Zugfahrten nutzen könnten – nie hätte ich gedacht, dass wir mal an diesen Punkt kommen würden. Aber jetzt, nach vier Wochen Maulkorb, werde ich langsam ruhiger, sicherer, gelassener. Ja, ich leine Hazel noch immer an, wenn ich andere Hunde sehe und ich ärgere mich auch darüber, wenn jemand seinen Hund zu uns laufen lässt, obwohl der Wildfang an der Leine ist und einen Maulkorb trägt – aber immerhin kann ich mir sicher sein: Dem anderen Hund kann nichts passieren. Wobei – nichts stimmt auch nicht, denn sollte Hazel mal versuchen mit Maulkorb zu beißen,  so würde es trotz Biothanemaulkorb sicherlich ein paar blaue Flecke geben. Fragt mal Emmely, wie es sich anfühlt, wenn Hazel spielen möchte, während sie den Maulkorb trägt…

Jedenfalls machen wir langsam Fortschritte: Es gibt Tage, da können wir an 5 angeleinten Hunden vorbei gehen und Hazel schafft es ohne Murren an ihnen vorbei. Es gibt Tage, da schafft sie es nicht ganz so gut, kugelt sich aber im nächsten Augenblick wieder durch die Wiese und  ist gleich wieder entspannt, obwohl der fremde Hund noch in Sichtweise ist.  Und obwohl ich für mich am schwarzen Tag beschlossen hatte, dass Hazel nun erstmal kein THS mehr machen soll, sondern wir uns jetzt auf eben dieses eine Riesenproblem konzentrieren, trainieren wir nun mehr denn je auf dem Hundeplatz mit Geräten. Weil wir auch da mehr zusammenwachsen, weil sie mir da zeigen kann, dass sie auch im Trieb mit mir arbeitet – auch wenn 6 andere Hunde drum herum sind, mit denen sie eigentlich nichts zu tun haben will.

Inzwischen bin ich wieder ich selbst und optimistisch. Wir kriegen das hin. Erstmal mit Maulkorb, weil mir die Hunde der rücksichtslosen Hundebesitzer nämlich nicht egal sind. Natürlich wäre es schöner ohne. Mit Maulkorb kann man kein Frisbee spielen, kein Apportieren. Man kann nicht trinken und die Leckerchen müssen immer von der Seite reingeschoben werden. Und Emmely mag dann mit Hazel nicht spielen, weil sie den Maulkorb  durch ihr Fell spürt – im Gegensatz zu Colani, der das scheinbar gar nichts ausmacht.

Das ist also der aktuelle Stand zum Thema Wildfang, Gruseln und Motzen.

Bis ganz bald.

Übrigens: Hazel ist natürlich nicht die ganze Zeit an der Leine. Und wir verzichten auch nicht komplett auf Frisbee und Apportieren, aber das geht zurzeit eben nur noch, wenn keine anderen Hunde in Sicht sind.  Und wir schauen, dass wir auch getrennt mit den Mädels laufen – Emmely und Hazel sollen ja weiterhin Kontakte zu anderen Hunden haben.

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