Indianermädchen @Work [Ole und sein Talker]

Schon während ich hier die ersten Buchstaben dieses Blogbeitrages tippe, freue ich mich auf das, was ich Euch gleich erzählen werde. Es geht um Ole. Vielleicht erinnert sich jemand, diesen Namen schon mal in Bezug auf unsere Arbeit gehört zu haben? Stimmt nämlich! Von Ole habe ich bereits 2015 schon mal erzählt – und daher ist es doch besonders spannend, wie es nun – gut 1 1/2 Jahre später läuft oder? Also lohnt sich also diesen Beitrag vorher zu lesen, denn der hier wird darauf aufbauen.

Inzwischen ist Klein-Ole gar nicht mehr ganz so klein und geht schon in die dritte Klasse. Noch immer ist Ole ein aktives Kind, welches sich gerne bewegt und auch lieber alleine Eisenbahn spielt, aber vorallem in der Kommunikation und in der Kontakt- und Beziehungsfähigkeit hat sich einiges getan. So viel, dass meine Kollegin und ich den Fall „Ole“ letztens in der Teamsitzung als einen besonders positiv laufenden Fall vorgestellt  haben – denn gemeinsam mit Hilfe der Eltern und Lehrern hat sich Ole wirklich toll entwickeln können. Ihr merkt schon, ich gerate ein wenig ins Schwärmen und ich werde mir Mühe geben, dass ihr ein wenig besser nachvollziehen könnt warum.

Vor 1 1/2 Jahren waren wir also an dem Punkt, wo Ole – wenn überhaupt – einzelne Worte gebrauchte, um sich mitzuteilen. Gemeinsame Stunden mit Emmely fand er ziemlich aufregend, beschäftigte sich aber hauptsächlich mit ihr, indem er sich taktile Reize suchte – also sie an verschieden Stellen anfasste. Dabei war er auch häufig noch etwas unsicher, da er in der Vergangenheit mal von einem Hund gebissen wurde.
Inzwischen sehen unsere Stunden ganz anders aus.
Seit Anfang des Jahres benutzt Ole einen Talker um sich mitzuteilen. Weil aber vermutlich nur wenige von Euch wissen, was das ist, machen wir einen Mini-Exkurs:
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, um Menschen bei der Kommunikation zu unterstützen, wenn diese Schwierigkeiten haben sich allein durch Lautsprache mitzuteilen, eine hier in  Deutschland gängige Abkürzung ist UK (Unterstützte Kommunikation). Es gibt die körpereigenen Kommunikationsformen (Mimik, Körpersprache,verschiedene Formen der Gebärdensprache), Kommunikation über Objekte (zum Beispiel durch Zeigen oder Schauen auf bestimmte Gegenstände, welche auch symbolisch für Handlungen stehen können), grafische Symbole (zum Beispiel Fotos, Zeichnungen, Symbole oder Schrift, welche in Form von Karten, Tafeln oder Büchern benutzt werden können) und technische Kommunikationshilfen (einfache Sprachausgabegeräte mit einer oder zwei Tasten – ähnlich wie ein Diktiergerät, einfache Talker mit bis zu 20 Feldern, bei denen man Fotos oder Symbole manuell wechseln kann oder auch komplexe Talker wie handelsübliche Tablets, welche über ein Programm verfügen, mit dem nahezu jeder Sachverhalt in komplexen Sätzen wiedergeben werden kann).
Es gibt zwar noch mehr, aber diese vier Formen nutzen wir auch in der Therapie.
Ein Beispiel für grafische Symbole
Ole nutzt inzwischen einen komplexen Talker in Form eines Tablets. Ihr müsst wissen, Ole verfügt über ein großes Sprachverständnis, aber ihm fehlen häufig die Worte um sich mitzuteilen – ein bisschen so, wie wenn ihr gerade etwas sagen wolltet, aber es dann vergessen habt – es Euch sozusagen auf der Zunge liegt. Ole möchte sich nämlich mitteilen, weiß aber manchmal einfach nicht wie das entsprechende Wort heißt. Und dann hilft im der Talker. Dieser hat so was wie eine Startseite mit verschiedenen Kategorien, welche in Form von verschiedenen Symbolen dargestellt werden. Da findet man Kategorien wie Essen und Trinken, Fahrzeuge, Unterhaltung, Verben, Pronomen, Natur, Schule und Floskeln. Wenn man eine der Obergruppen nun anklickt, öffnen sich die Unterkategorien, die dann auch noch weiter unterteilt sein können. Ole kann bei „Essen“ kann dann zum Beispiel nochmal zwischen Obst, Gemüse, Frühstück, Mittagsessen, Süßigkeiten und Gewürzen auswählen. Super ist auch, dass man die Felder individuell an die Bedürfnisse des Benutzers anpassen kann – auch eigene Fotos einfügen usw. Tippt man nun eines der Felder an, wird dieser in Lautsprache wiedergegeben. Man kann natürlich auch mehrere Worte aneinander reihen und so auch Sätze bilden.
technische Hilfen: von l.nach r. BIGmack, GoTalk9+, Little Step-by-Step
Ole ist ein sehr pfiffiger Junge und hat ganz schnell begriffen, wie der Talker funktioniert. Inzwischen ist er so weit, dass er mit dessen Hilfe Bedürfnisse in 4-Wort-Sätzen ausdrückt. Wenn er Emmely füttern möchte, dann sieht das so aus:
Talker mit Metacom Symbolen
Ziemlich cool oder?
Nun könnte man ja meinen, dass so ein Talker zwar dabei hilft, dass Menschen ihre Bedürfnisse äußern können, jedoch nicht die eigene Lautsprache fördert, weil das Gerät ja das Sprechen für einen übernimmt. Dem ist aber nicht zwangsläufig so. Zum Einen rege ich an, dass Ole die Sätze nochmal selbst nachspricht, zum Anderen nutze ich den Talker selbst auch und spreche die Sätze ebenfalls nochmal nach – quasi als Vorbildfunktion. Und Ole lernt natürlich auch Wörter dazu, vorallem weil ihm Bild und Schrift dabei helfen sich diese besser einzuprägen (ihr wisst schon, multisensorisches Lernen) und die Wörter, die er kennt, spricht er dann auch einfach.
Warum sollte er auch erst im Talkermenü nach Essen → Süßigkeiten→ Keks suchen, wenn er einfach „Ich möchte Keks haben“ sagen kann?
Doch nicht nur auf der sprachlichen Ebene hat sich viel getan, auch agiert Ole nun viel differenzierter mit Emmely. Auf dem Talker seht ihr, dass er zwischen Füttern und Streicheln wählen kann. Das macht er auch, wobei er beim Füttern auch verschiedene Dinge ausprobiert wie Futter verstecken während Emmely warten muss, ihr es aus der Hand gibt oder wirft. Übrigens sagt er ihr auch, dass sie warten soll oder das sie jetzt suchen darf. Zwar nicht in ganzen Sätzen und so, dass sie es auch immer versteht, aber dafür bin ich ja da und unterstütze seine Wünsche, indem ich Emmely zum Beispiel mit Handzeichen  lenke. Hier ist mir im Moment erstmal wichtiger, dass er mit ihr spricht und nicht, ob er die richtigen Kommandos dafür verwendet. Manchmal gehen wir auch draußen zusammen spazieren und Ole macht dann selbstständig die Leine am Halsband fest und führt sie im Park streckenweise an der Leine, was ihm übrigens besonders viel Spaß macht.
Demnächst werde ich ein paar neue Begriffe einführen mit denen wir gemeinsam mit Emmely arbeiten können, die Symbole von Metacom finde ich dafür besonders schön:
Ole malt nun auch nicht mehr das Haus aus dem Film „Zurück in die Zukunft“, sondern auch viele andere Dinge (im Moment gilt sein Interesse besonders Weihnachten, also zeichnet er vorallem Weihnachtsbäume, Geschenke, Schnee- und Weihnachtsmänner, während er dazu „Gloria in excelsis deo“ singt/summt) und seit Kurzem schreibt er auch einzelne Worte.
Dieses Bild hat er Anfang des Jahres gemalt, es zeigt ihn selbst beim Füttern von Emmely. Vor dem Indianermädchen liegt ein Ball und oben drüber – naja – da fliegt eine Katze in einem Raumschiff (zu dieser Zeit hat er besonders häufig Katzen in Raumschiffen gemalt, die hatte er mal in einem Zeichtrickfilm gesehen)
Ole mit Emmely (und Katze im Raumschiff)
Ole hat also wirklich schon viel gelernt und seine Grenzen sind noch nicht erreicht. Letztens erzählte sein Papa, dass Ole zu ihm „Halt die Klappe“ gesagt hätte. Weil Ole nämlich viel lieber spielen wollte, als seinem Papa zuzuhören. Andere Eltern wären wahrscheinlich verärgert gewesen, wenn ihr Kind so etwas zu ihnen sagen würde – der Papa hat zwar auch ein wenig geschimpft, sich aber insgeheim gefreut und mir ganz froh davon berichtet.
Natürlich sind Emmely und ich nicht allein und auch nicht hauptsächlich für diese tolle Entwicklung verantwortlich – aber bestimmt haben wir ein bisschen dazu beigetragen.

PS: Habt ihr gesehen, dass es auf seinem Talker auf ein Foto von Hazel gibt? Die begleitet uns zwar nicht in die Therapie, ist aber manchmal mit mir im Verwaltungsbüro und wenn die Kinder im Wartebereich warten, dann dürfen sie auch manchmal die Mädels streicheln. So kann Ole dann auch sagen, wen er streicheln will.

PS2: Eine Therapie dauert bei uns Durchschnitt etwa 3-5 Jahre, je nach Zielen und Motivation aber auch kürzer oder länger. Ole ist bei uns nun fast 5 Jahre.

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